Rezension: „Daisy Jones & The Six“ von Taylor Jenkins Reid

Wenn mich Leute fragen, welche Musik ich höre, lautet meine Standardantwort: „Jungs mit elektrischen Gitarren”. Die Rolling Stones, Oasis, Madrugada und Kollegen.

Denn nichts, nichts klingt cooler als der Sound einer elektrischen Gitarre. Nichts ist sexier als ein schlanker, bejeanster Typ mit lässig drapiertem Haar und einer Fender Stratocaster vor dem Rumpf. Mick Jagger ist der G.O.A.T.

Das sind Fakten und ich lasse mich hier auf keinerlei Diskussion ein.

Ach ne, Moment! Eines gibt’s das cooler ist: Mädels in Rock’n’Roll-Bands!

Deshalb hat mich der Roman „Daisy Jones & The Six”, den ich auf Instagram entdeckt habe, gleich angesprochen. Sowohl Titel als auch Umschlag lassen auf den ersten Blick erkennen, dass hier eine Frau die Hauptrolle in einer Rock’n’Roll-Geschichte aus den späten Sechziger/frühen Siebziger Jahren spielt.

Und schon hatte mich Taylor Jenkins Reid am Haken.

Die Handlung

Daisy Jones, Jahrgang 1951, wächst in privilegierten Elternhaus in Los Angeles aus. Vater und Mutter interessieren sich wenig für sie, deshalb wendet sie sich als Jugendliche dem Partyleben auf dem Sunset Strip zu. Alkohol- und Drogeneskapaden inklusive. Sie ist bildhübsch, hat eine faszinierender Persönlichkeit und wird zur Freundin vieler Rockstars. Schnell wird sie zum It-Girl

Zu gleicher Zeit gründen die Brüder Billy und Graham an der Ostküste ihre eigene Rock-Band. The Six besteht aus den beiden Dunne-Brüdern, Gitarrist Eddie, Bassist Pete, Schlagzeuger Warren und Karen am Keyboard. Es verschlägt sie nach Kalifornien, wo die Band einen Plattenvertrag bekommt, ein Album aufnimmt und erste Erfolge feiert.

Auch Daisy, die angefangen hat, ihre eigenen Lieder zu schreiben, nimmt ein Album von Cover-Songs auf.  Sie ist die Vorband auf  der „Numbers“-Tour von The Six. So kommt es auch zu einem Duett mit Billy: „Honeycomb“ wird zum Hit. Schnell kommt die Idee auf, Daisy in die Band aufzunehmen. Anders als seine BandkollegInnen, ist Billy Dunne davon ganz und gar nicht begeistert. Aber letztendlich willigt er ein und Daisy Jones & The Six nehmen in L.A. ein gemeinsames Album auf. Aber die Probleme, die ohnehin in der Band bestanden (Alkoholismus, Eitelkeiten, Eifersüchteleien), werden nur noch mehr.

Auf dem Höhepunkt ihres Erfolgs löst sich die Band am 12. Juli 1979 nach einem Konzert in Chicago auf.

Oral History der Band-Geschichte

Jenkins Reid erzählt die Geschichte der Band als Oral History. Die Bandmitglieder blicken Jahre später in Interviews zurück und schildern ihre Sicht der Dinge. Dramaturgisch ist das perfekt umgesetzt. Während des gesamten Buches sah ich eine Dokumentation vor meinem inneren Auge ablaufen. Wer mehr als ein Interview mit einer Rock-Band gesehen hat, wird bestätigen, dass der Ton vollkommen authentisch ist: Die Charaktere beschreiben Personen durchwegs als electric, Lieder als brilliant, Auftritte als mesmerizing.

Die Autorin hat die Erzählstränge meisterhaft gesponnen. Die Erinnerungen sind nicht immer gleich, es wird klar, wie es zu Missverständnissen zwischen den Band-Mitgliedern kommt und Schlagzeuger Warren ist mit seiner Ahnungslosigkeit und Klischeehaftigkeit immer für einen Lacher gut.

Am besten gefiel mir jedoch, dass sich der Hauptteil des Buchs im Studio abspielte, wo Daisy und die Band ihr Hit-Album „Aurora“ aufnehmen. Für mich war der Entstehungsprozess von Platten, die eigentliche Schöpfung der Musik, schon immer interessanter als das wilde Tourleben mit all seinen Eskapaden (das auch sehr eindrücklich geschildert wird). Ich bekam wirklich Lust, die fiktiven Songs von „Aurora“, dessen Texte sich am Ende des Buchs finden, in Echt zu hören. 

Die drei Frauen im Buch – Daisy, Karen und Billys Gattin Camilla – sind weder klischeehaft noch eindimensional. Allerdings blieb mir Daisy bis zum Schluss fremder als die anderen Hauptfiguren. Ihre Gefühlswelt war für mich immer ein Stück unerklärlich. Das ist mein einziger Kritikpunkt an einem großartig erzählten, spannenden und unvorhersehbaren Roman.


Über „Daisy Jones & The Six“

Ich lese englische Bücher grundsätzlich im Original. Eine deutsche Übersetzung scheint auch noch nicht erhältlich zu sein.

Bald wird man die Lieder der Band übrigens tatsächlich hören können: Amazon wird eine 13-teilige Serie der Geschichte produzieren.


Über Taylor Jenkins Reid

Taylor Jenkins Reid hat bereits fünf andere Romane geschrieben. Bestimmt lesen werde ich „The Seven Husbands of Evelyn Hugo“ , dessen Hauptfigur ein Hollywood-Star aus den 1950er-Jahren ist, die einer Journalistin ihre Memoiren ihres „glamouröses und skandalösen Leben“ diktiert.

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