Familiensprache

Ein unwissender Aussenstehender würde behaupten, meine Familie – Mutter, Vater, ich – spreche zuhause Fränkisch.

Auf den ersten Blick, scheint diese Behauptung naheliegend. Denn mit Sicherheit sprechen wir Dialekt. Gelegentliche Versuche meiner Mutter, Hochdeutsch zu sprechen, laufen darauf hinaus, dass sie lautstark ankündigt, jetzt “nach der Schreibe” zu sprechen, anschließend Verben verkrampft auf -en statt auf -’n enden (vergleiche auch: Klinsmann, Jürgen) und Bs vor lauter Enthusiasmus als Ps ausgesprochen werden.

Ich erinnere mich an keine Begebenheit, bei der mein Vater jemals versucht hat, temporär nicht-fränkisch zu klingen.

Die Sprache, in der wir drei uns verständigen, ist aber kein reines Fränkisch. Es ist eher ein Fränkisch Plus, unterfüttert mit eigenen Wortentwicklungen. Worte, die en famille entstanden sind, sich durchgesetzt haben und inzwischen ihren eigenen Mythos genießen. Die niemand außerhalb diesen elitären Dreierkreises versteht.

Eine Auswahl:

Bröter: “Sehr schwierig zu entziffern”, höre ich den skeptischen Leser spotten. “Ein Brot, zwei Bröter.” FALSCH! Das wäre ein Brot, zwei Brote. Bei Bröter handelt es sich um zwei oder mehr Scheiben Brot. Ha!

‘kay (auch: K, k): Das Wort okay (okey, ok etc.) soll ja aus “All correct’ abgeleitet sein. Wir kürzen das ganze ab und beschränken und auf “correct” oder ‘kay. (Anmerkung: Ein seltener englischer Einfluss in unserer Familiensprache.)

Schlampelinchen (meistens: mein Schlampelinchen): Handelt es sich hier um eine Verniedlichung des geläufigen Wortes “Schlampe”? In der Tat. Allerdings wird Schlampelinchen ausschließlich in Bezug auf unordentliche Menschen (männlich und weiblich) verwendet. An Damen mit unmoralischen Lebenswandel verschwenden wir dieses Wort nicht.

Dampfer: Die Dampfschifffahrt-Industrie ist in Franken in den letzten Jahren ins Stocken geraten. Die Dampfer meiner Mutter hingegen, stehen so hoch in Konjunktur wie eh und je. Tatsächlich treten diese Hitzewallungen seit Erreichen des Klimakterium in immer naher beieinanderliegenden Intervallen auf: “Etz haut’s mir den Damper raus!”, krächtzt sie in regelmäßigen Abständen.

Dodscher: Um ehrlich zu sein, stammt dieses Wort nicht von einem von uns Dreien. Es wurde nämlich von meiner Großmutter mütterlicherseits, einer Ein-Frau-Dodscher-Fabrik geprägt. Es sind sehr dicke, äußerst warme gestrickte Hausschuhe, die kurz unter dem Knöchel geschnürt werden. Die Chucks unter den selbstgemachten Hausschuhen.

Luller (zu verwenden mit „machen“): Wird synonym für „Pipi machen“ verwendet, klingt aber für meine Ohren weitaus weniger kindlich und dafür hygienischer. „Ich mach noch schnell nen Luller.“

Hadschamaradscha: Dieser Ausruf begleitet besonders langes Gähnen. Was den Akt viel unterhaltsamer macht, als sich lediglich die Hand vor den Mund zu halten.


Habt ihr eine Familiensprache? Welche Worte enthält sie? Habt ihr es geschafft, diese Begriffe außerhalb eurer Familie zu verbreiten?


Foto von Sandy Millar auf Unsplash

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