Rezension: „Good Morning, Mr. President!“ von Beck Dorey-Stein

Wie stellt ihr euch eine Stenografin vor?

Vor der Lektüre von „Good Morning, Mr. President!“ , den Memoiren von Beck Dorey-Stein, die während der Präsidentschaft Barack Obamas als eben solche im Weißen Haus gearbeitet hat, wollte ich wissen, wie die Autorin aussieht.

Das Ergebnis der Google-Bilder-Suche hat mich überrascht. Dorey-Stein lächelte mir auf allen Bildern mit dem breitesten Grinsen extrovertiert zu. Mit ihren langen, unfrisierten blonden Haaren und braun gebrannter Haut entspricht sie nicht im entferntesten der unscheinbaren Dame, die ich vor Augen hatte.

Aber in den ersten Kapiteln ihres Buches habe ich gleich gelernt, dass sie nicht repräsentativ für Stenografinnen ist. Sie ist eigentlich keine. Die Stelle im Weißen Haus hat sie nämlich per Zufall bekommen. Nach ihrem Studium war sie ohne feste Antsellung in Washington D.C. gestrandet. Sie hielt sich mit fünf Jobs gleichzeitig über Wasser und bewarb sich auf zehn freie Stellen pro Woche.

Bei einem Eignungstest als Stenografin für eine Anwaltskanzlei schneidet die 25-Jährige gut ab und wird zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen. Sie ist nicht besonders enthusiastisch, verspätet sich erscheint letztendlich gar nicht. Sie entschuldigt sich aber immerhin per E-Mail für ihr Fernbleiben. Daraufhin antwortet ihr die verzweifelte Recruiterin, dass sie nicht in einer Kanzlei, sondern im Weißen Haus arbeiten und Präsident Obama auf In- und Auslandsreisen begleiten würde.

Das ändert natürlich alles.

Coming-of-Age im Weißen Haus

Was macht so eine Stenografin im Weißen Haus? Dorey-Steins Aufgabe bestand darin, Interviews, Briefings, Telefonkonferenzen und ähnliches aufzuzeichnen und anschließend für die Presse und das Archiv der Regierung zu transkribieren. (Merke: StenografInnen müssen keine Steno können.)

Beck Dorey-Stein erkärt, die Aufgabe von StenografInnen im Weißen Haus

Ihr Buch handelt aber nicht von trockenen politischen Besprechungen zur Weltwirtschaftskrise oder nüchternen Pressekonferenz zur Gesundheitsreform. Im Mittelpunkt stehen die aufregenden Reisen mit Air Force One nach Myanmar, Südafrika, Hawaii oder Los Angeles.

Auf ihnen schließt Dorey-Stein Freundschaften, trinkt regelmäßig zu viel (nach der Lektüre hatte ich selbst Lust auf einen Cape Codder) und beginnt fatalerweise eine Affäre mit Jason, einem engen Mitarbeiter des Präsidenten.

Deshalb fällt dieses Buch weniger in das Genre der politischen Memoiren, sondern ist vielmehr eine Coming-of-Age-Story, deren Protagonistin zufällig in der Obama-Regierung arbeitet. Dorey-Stein arbeitet für den mächtigsten Mann der Welt, macht aber die selben dummen Fehler wie viele andere Frauen in ihrem Alter. Etwa sich in einen liierten Mann zu verlieben und nicht mehr von ihm los zu kommen.

Ihre Affäre mit Jason ist der Dreh- und Angelpunkt des Buchs. Dennoch ist sie nicht das Hauptthema. Wenn die beiden off again sind, vermisst man Jason nicht. Denn es gibt genug anderes Interessantes: ihre Freundschaften, ihre frühmorgendlichen Workouts auf dem Laufband neben Obama und natürlich die Einblicke, die sie als Stenografin des Präsidenten gewinnt.

Dorey-Stein stellt ihr desaströses Privatleben in den Mittelpunkt ihrer Memoiren, webt die beeindruckenden Erfahrungen, die sie in ihrem Job macht, jedoch stets in die Story ein. So wirkt die Erzählung nie egozentrisch oder selbstbesessen.

Über „Good Morning, Mr. President!“

Ich habe dieses Buch in der englischen Original-Version gelesen, die „From the Corner of the Oval Office“ heißt.

Dorey-Steins hat bereits während ihrer Anstellung im Weißen Haus viele ihre Eindrücke aufgeschrieben. Einige davon hat sie hochrangigen MitarbeiterInnen zum Abschied geschenkt. Ihr Buch basiert auf diesen Aufzeichnungen und E-Mails, die sie an Freunde und Familie geschrieben hat.

Zum Schutz ihrer Identität hat sie die Namen und biografischen Details einiger Charaktere verändert.

Über Beck Dorey-Stein

Die Stenografie-Abteilung gehört zum festen Bestandteil des Weißen Hauses und wird nicht ausgetauscht, wenn ein neuer Präsident einzieht. Dorey-Stein kündigte jedoch nach wenigen Monaten unter Donald Trump. Ihre Verachtung für ihn und sein Team wird im Nachwort des Buches klar.

Derzeit schreibt sie an ihrem zweiten Buch.

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.